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Spezialwissen Wissenschaftskommunikation

Die Megabatterie von Laufenburg

Im Aargau, am historischen Stern von Laufenburg, soll der weltweit grösste Batteriespeicher entstehen. Ein Projekt, das gleichzeitig als „Jahrhundertchance“ (FlexBase) und „falsche Technologiewahl“ (ETH) bezeichnet wird.

Während die einen in der Redox-Flow-Batterie die Lösung für die Energiewende sehen, warnen andere vor hohem Risiko und unklarer Rentabilität. Schauen wir uns das also einmal an…

Projektziel

Der neue Batteriespeicher in Laufenburg soll dabei helfen, das europäische Stromnetz stabil zu halten. Erneuerbare Energien wie Wind und Sonne liefern manchmal unregelmässig Strom. Das liegt in der Natur der Sache, ist aber einer der Faktoren, die sich problematisch auf die Netzstabilität auswirken können. Wird auf einmal sehr viel oder sehr wenig Strom ins Netz eingespeist, kann das Stromnetz im schlimmsten Fall sogar zusammenbrechen. Ein Batteriespeicher reagiert innerhalb von Millisekunden und kann diese Schwankungen ausgleichen und damit das Netz schützen.

Der vorgesehene Standort Laufenburg ist kein Zufall, denn hier laufen die Stromnetze Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz zusammen. Das ist also ein idealer Ort für ein Projekt, das die Stabilität des europäischen Stromnetzes sichern soll. Marcel Aumer, CEO der FlexBase Group, will mit dem Technologiezentrum aber nicht nur die Energiewende vorantreiben, sondern auch die regionale Wirtschaft stärken.

Technologie

Die Anlage setzt auf die Redox-Flow-Technologie. Sie speichert elektrische Energie in Form von chemischen Verbindungen, die in einem Lösungsmittel in flüssiger Form vorliegen. Die Elektrolyte zirkulieren in zwei getrennten Kreisläufen und bleiben auch in der Reaktionszelle durch eine Membran voneinander getrennt. An dieser Membran findet ein Ionenaustausch statt. Dadurch werden die Elektrolyte chemisch reduziert bzw. oxidiert, und die elektrische Energie wird wieder frei.

Schema einer Redox-Flow-Batterie

Die an der Membran ablaufenden Redox-Reaktionen werden durch die Farbverläufe angedeutet. Die Elektrolytlösungen werden in Tanks gespeichert, die deutlich grösser sein können als die eigentliche elektrochemische Zelle, in der die Reaktion stattfindet.

Nick B., CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Pro und Contra

Die Befürworter sehen die Redox-Flow-Technologie als sicher, skalierbar, und nachhaltig an:

  • Im Gegensatz zu herkömmlichen Lithium-Ionen-Batterien sind Redox-Flow-Batterien nicht brennbar und nicht explosiv.
  • Kapazität und Leistung lassen sich unabhängig voneinander skalieren, das macht Redox-Flow-Batterien ideal für Grossprojekte.
  • Redox-Flow-Batterien haben eine Lebensdauer von Jahrzehnten und können Tausende von Lade- und Entladezyklen erreichen, ohne an Kapazität zu verlieren.

Doch nicht alle teilen diesen Optimismus. Eine ETH-Studie von 2025 mutmasst, dass sich die Redox-Flow-Technologie nicht durchsetzen wird:

  • Im Vergleich zu Lithium-Ionen-Batterien erfordern Redox-Flow-Batterien höhere Investitionen pro kWh: Das Projekt in Laufenburg kostet über eine Milliarde (!) Franken.
  • Die geringe Energiedichte erfordert grosse Tanks und damit viel Fläche. Platz ist eine begrenzte Ressource.
  • Die Studie prognostiziert, dass Lithium-Ionen-Batterien mit verbesserten Sicherheitsstandards den Markt zukünftig dominieren werden.

Wirtschaftlichkeit und Akzeptanz

Der Bau hat bereits begonnen und FlexBase geht davon aus, dass der Batteriespeicher termingerecht 2028 in Betrieb genommen werden kann. Das dazugehörige Technologiezentrum soll 2029 folgen. Das Projekt soll über 300 neue Arbeitsplätze schaffen und die lokale Wirtschaft beleben. Die FlexBase Group investiert einen Milliardenbetrag, von dem die Stadt Laufenburg und der Kanton Aargau durch Steuereinnahmen profitieren sollen.

Der fertig gestellte Batteriespeicher soll als „Energiebank“ fungieren: Strom wird gespeichert und bei Bedarf, z.B. zu Spitzenlastzeiten, mit Gewinn wieder verkauft. Unternehmen können Kapazitäten mieten, um ihre Versorgungssicherheit zu erhöhen. Zudem soll die Abwärme des angrenzenden KI-Rechenzentrums allein in Laufenburg 75.000 Tonnen CO₂ in 30 Jahren einsparen. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur Dekarbonisierung.

Das Projekt in Laufenburg wird bereits jetzt als „Jahrhundertprojekt“ bezeichnet und die Genehmigung des 800-MW-Netzanschlusses durch Swissgrid ist ein deutliches Signal in dieser Richtung. Die Gemeinde Laufenburg und der Kanton Aargau unterstützen das Vorhaben aktiv, u. a. durch schnelle Genehmigungen wie z. B. der Erhöhung der Bauhöhe auf 30 Meter.

Skeptische Stimmen sehen Verzögerungen jedoch bereits vorprogrammiert, angesichts der Komplexität des Projekts und möglicher Einsprachen: Anwohner kritisieren die geplante Bauhöhe, und befürchten Lärm- und Umweltbelastungen.

Die enorme Investitionssumme und die Abhängigkeit von politischen Rahmenbedingungen werden zusätzlich als Risiko gesehen – insbesondere, da FlexBase keine Namen von Investoren nennt. Es gibt nur Hinweise auf „namhafte Partner“ aus der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein. Das wirkt intransparent und führt zu Spekulationen über die tatsächliche Finanzierungssicherheit. Kritiker betonen, dass derartige Speichersystem oft nur mit staatlichen Subventionen oder durch Sonderregelungen rentabel sind.

Dennoch überwiegt momentan die Unterstützung, da das Projekt als grosse Chance für die Region gesehen wird.

Fazit

Der Batteriespeicher von Laufenburg gilt als kontrovers diskutiertes Leuchtturmprojekt:

  • Technisch setzt das Projekt auf eine sichere, aber auch umstrittene Technologie
  • Wirtschaftlich ist die Rentabilität abhängig von den zukünftigen Marktbedingungen und wohl auch von Subventionen
  • Politisch wird es derzeit gleichzeitig gefeiert und kritisiert

Die schiere Grösse (1,6 GWh) macht das Projekt zu einem Symbol und es wird entweder als Vorbild für die Energiewende oder als teures Experiment in die Geschichte eingehen. Es polarisiert – und vielleicht ist das auch gut so, denn so entsteht auch eine Diskussion über die Zukunft unserer Energieversorgung.

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Hintergrund Wissenschaftskommunikation

Die FoodHealth Initiative

Ist „From Soil to Gut“ gut genug?

Vergangene Woche haben die Kantone Basel-Stadt und Aargau gemeinsam das Innovationsförderprogramm FoodHealth lanciert. Dieses bikantonale Programm mit dem gut gemeinten Slogan „From soil to gut“ zielt darauf ab, Innovationen im Bereich Agri- und Foodtech zu stärken, und das Innovationsökosystem in der Nordwestschweiz weiterzuentwickeln.

Das neue Logo der Initiative https://foodhealth.ch/

Für die Pilotphase von 2026 bis 2028 stehen insgesamt 2,12 Millionen Franken zur Verfügung. Basel-Stadt trägt 1,7 Millionen Franken bei, der Kanton Aargau 0,42 Millionen Franken. Das Programm soll Projekte fördern, die nachhaltige und innovative Lösungen in der Landwirtschaft und Lebensmitteltechnologie vorantreiben. Dabei setzen die beteiligten Kantone auf drei Handlungsfelder:

Die Handlungsfelder

  1. Erstens soll das Innovationsökosystem gestärkt werden, indem Wissenschaft und Wirtschaft besser vernetzt werden, und bestehende Forschungsprojekte eine Plattform bekommen sollen
  2. Zweitens werden etablierte Unternehmen dabei unterstützt, neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln, etwa durch Projekte mit Hochschulen
  3. Drittens erhalten Start-ups Zugang zu Coaching, Investor:innen, und Finanzierung, um ihre Ideen zu skalieren

Während diese Initiative also auf Vernetzung, Technologie und Wirtschaftsförderung setzt, bleiben für mich Punkte offen:
Am Lancierungsevent wurde viel von „gesunden Lebens-Mitteln“ und „Zukunftstechnologien“ gesprochen, doch der Begriff „Klimakrise“ fiel genau ein Mal, und das Thema planetare Grenzen blieb unberücksichtigt. Dabei brauchen wir nicht nur effizientere Systeme der Lebensmittelgewinnung und eine neue Wertschätzung von Gesundheit und Ernährung, sondern auch einen radikalen Wandel hin zu regenerativer Landwirtschaft und verbindlichem Biodiversitätsschutz. Zwar wurde dies angesprochen, hatte aber eher den Charakter einer Randnotiz.

Planetare Grenzen

Die planetaren Grenzen (Planetary Boundaries) sind ein wissenschaftliches Konzept, das 2009 von einem internationalen Forscherteam um Johan Rockström entwickelt wurde: Es beschreibt neun kritische Prozesse und Systeme der Erde, die für die Stabilität des Erdsystems und damit für das Überleben der Menschheit entscheidend sind. Überschreiten wir diese Grenzen, riskieren wir irreversible Umweltveränderungen und gefährden die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen.

Die neun planetaren Grenzen sind:

  1. Abbau der Ozonschicht in der Stratosphäre
  2. Aerosolbelastung der Atmosphäre

Laut aktuellen Berichten, u. a. vom Stockholm Resilience Centre sind sieben dieser neun Grenzen derzeit überschritten:

https://www.pik-potsdam.de/de/produkte/infothek/planetare-grenzen

Besonders kritisch ist die Situation bei Biodiversität, Klimawandel, und Landwirtschaft:

  1. Das Artensterben schreitet schneller voran als je zuvor in der Geschichte der Menschheit
  2. Die globale Durchschnittstemperatur liegt bereits über 1,5°C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau mit dramatischen Folgen für Wetterextreme, Meeresspiegelanstieg, und Ökosysteme
  3. Die industrielle Landwirtschaft ist einer der Haupttreiber für das Überschreiten mehrerer Grenzen, u.a. durch Monokulturen, den Einsatz von Pestiziden, und Überdüngung

Nun fördert die FoodHealth Initiative Innovationen in der Lebensmittelproduktion, setzt aber scheinbar kaum verbindliche ökologische Leitplanken für Klimaneutralität, Biodiversitätsschutz, oder die regenerative Landwirtschaft.

Regenerative Landwirtschaft

Regenerative Landwirtschaft – dazu gehören u.a. Themen wie Humusaufbau, Agroforstwirtschaft, Pestizidverzicht – fördert nicht nur die Biodiversität, sondern bindet auch CO₂ und schont Wasser- und Nährstoffkreisläufe. Sie entlastet also mehrere planetare Grenzen gleichzeitig.

Ohne systemische Anforderungen riskiert selbst die nachhaltigste Foodtech-Innovation, die planetaren Grenzen weiterhin zu überschreiten. Ungünstigstenfalls durch ressourcenintensive Technologien oder die Vernachlässigung von bestehenden Ökosystemen. Ich bin also skeptisch.

Rosarote Brille

Die auf dem Event zitierte „rosige Zukunft“ sehe ich derzeit nicht. Dennoch hoffe ich natürlich, ich werde positiv überrascht: Die Zeit wird es zeigen.


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