Dieser Blogpost befasst sich mit den aktuellen Entwicklungen auf LinkedIn. Wenn dich diese Plattform nicht interessiert, kannst du diesen Artikel beruhigt auslassen. Schau‘ dir stattdessen doch vielleicht das hier an.
Letzte Woche bekam ich auf LinkedIn eine Kontaktanfrage. Das kommt vor. Mehr als 10 gemeinsame Kontakte, das Profil sah OK aus, also warum nicht? Weniger als eine Stunde später erhielt ich eine Nachricht, die begann mit den Worten:
Sehr geehrte Frau Buttron, ich freue mich sehr, dass wir über LinkedIn in Kontakt stehen. Da wir sehr viele Gemeinsamkeiten haben, dachte ich mir mal meinen individuellen Post mit mehr Insights zu meinem neuen Buch Ihnen zu senden.
Dann folgte ein langer Text von rund 500 Wörtern (eine sportliche Erstkontaktlänge) mit dem Inhalt „Hallo, kauf mein Buch, es ist toll, empfehle es weiter“ in 10 Worten in a nutshell.
Ein Buch über Leadership, Change, Unternehmenskultur, Mitarbeiterzufriedenheit, Management, Budgetierung, Teamrollen, Nachhaltigkeit, Innovation, Betriebsratsverhandlungen, Abfindungen, und ungefähr allem weiteren, was man im modernen Unternehmensleben irgendwie unterbringen könnte. Wie ein All-You-Can-Eat-Buffet für’s Business oder ein älteres Buzzword-Bingo.
Ich erhielt die Links zu beiden Sprachversionen des Buches inklusive ISBNs, eine ausführliche Inhaltsübersicht und natürlich die Information, wo das Buch überall erhältlich sei. Und ganz am Ende stand noch:
Ich freue mich sehr über eine Weiterempfehlung und insbesondere Ihren Kommentar im Anschluss.
Offenbar hatte ich nicht gerade einen neuen LinkedIn-Kontakt gewonnen, sondern ich war in einen Marketing-Funnel geraten.
Instrumentalisierung der Vernetzung
Unsere „vielen Gemeinsamkeiten“ bestanden im Fall darin, dass wir beide LinkedIn benutzen. Die Individualität dieses „individuellen Post“ ermüdete sich im Einsatz meines Namens in der Anrede.
Da wollte Jemand nicht netzwerken, sondern mir etwas verkaufen. Beziehungsweise, mir nicht nur etwas verkaufen, sondern durch mich gleich noch kostenlos Reichweite produzieren lassen. Man muss mich nicht besonders gut kennen, um zu erahnen, was ich von dieser Behauptung von persönlicher Beziehung bei gleichzeitig maximal unpersönlicher Kommunikation halte.
Und ja, natürlich darf man auf LinkedIn Bücher verkaufen, Dienstleistungen, Coachings, Beratungen, Workshops, Software, etc. Wenn jemand sagt: „Ich biete Stressmanagement für Führungskräfte an. Falls das für dich oder deine Kunden interessant ist, erzähle ich dir gerne mehr darüber.“ Fein, vollkommen OK. Dann kann ich entscheiden, was ich möchte. Wenn daraus dann irgendwann ein handfestes Geschäft entsteht, ist das grossartig. Aber wenn die persönliche Kontaktaufnahme lediglich die Verpackung für den Verkaufspitch ist, dann habe ich damit ein Problem.
Direktmarketing mit sozialem Anstrich
Nicht immer kommt dieser Verkaufspitch ganz so unverblümt daher wie im obigen Beispiel. Unlängst wurde mir im Erstkontakt eine scheinbar harmlose Frage gestellt:
Was machst du so, um gut in der Balance und gesund zu bleiben?
Zusatzinformation: Die fragende Person verkauft unter anderem „Entgiftungstherapien„. Auf meine Nachfrage kam folgende Selbtoffenbarung:
[…] Daher interessiert es mich natürlich, gerade bei neuen Kontakten, ob ich gerade bei einem aktuellen Thema helfen kann – und falls gerade alles bestens läuft, was die Strategien sind, sodass ich mit diesem Wissen anderen helfen kann. 😊
Ja, inklusive dem 😊-Smiley. Meine Güte.
„…ob ich gerade bei einem aktuellen Thema helfen kann“ ist kein Interesse, sondern Lead-Qualifizierung. „…und falls gerade alles bestens läuft, was deine Strategien sind, sodass ich mit diesem Wissen anderen helfen kann.“ finde ich besonders aufschlussreich: Auch, wenn ich kein Problem habe, bin ich eine nützliche kostenlose Informationsquelle.
In jedem Fall finde ich mich plötzlich in einem Verkaufsgespräch wieder, dass ich nie angefordert hatte.
Facebook for Business
Meine Frage ist nun: Erfüllt LinkedIn überhaupt noch seinen Zweck als Netzwerkplattform fürs Business? Immer mehr Kontaktanfragen dienen inzwischen nicht mehr dem Netzwerken, sondern sind eine Form von Kaltakquise. Und diese zunehmende Vermischung ist es, was mich an LinkedIn ebenso zunehmend stört.
Vielleicht bin ich altmodisch (alt genug bin ich ja), aber für mich bedeutet Networking: Menschen kennenlernen, sich austauschen, offen und neugierig sein, etwas lernen…und vielleicht feststellen, dass man tatsächlich etwas gemeinsam hat. Und dann ergibt sich vielleicht ein Geschäft. Nicht andersherum, denn ein Kontakt ist keine Beziehung.
Wenn man merkt, dass ein Pferd tot ist, sollte man absteigen.
Also: Was machen wir da eigentlich? Und hat LinkedIn noch eine Chance oder ist diese Plattform in Wirklichkeit schon tot? Was denkt ihr?
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Hunderte von Büchern im deutschsprachigen Raum, Tausende von Büchern international. Das ergab meine Kurzrecherche zum Thema „Selbsthilfeliteratur“ + „Nein sagen“. Offenbar tun sich viele von uns schwer damit. Ja, ich natürlich auch.
Diesen Newsletter wollte ich nämlich schon lange schreiben, habe ihn aber sehr lange auf die ebenso lange metaphorische Bank geschoben. Vermutlich, weil die Thematik des Grenzen-Setzens auch viel mit Erwartungen zu tun hat – unter anderem mit den Erwartungen an mich selbst bezüglich des Umfangs dieses Artikels. Und so fand ich mich sehr schnell im Kaninchenbau wieder, denn dieses Thema wird sehr schnell sehr gross.
Bei einer Tasse Tee wurde mir dann klar, was ich da eigentlich tue: Ich verhandle gerade meine Grenzen mit mir selbst. Nach dieser Erkenntnis wurden me, myself and I uns einig, und dieser Artikel entstand. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Betrachtungen, er bleibt zwangsläufig innerhalb enger Grenzen und ist dennoch verhältnismässig lang geraten. Sei’s drum.
Damit sind wir schon beim ersten Thema und der trivial erscheinenden Frage: Warum brauchen wir überhaupt Grenzen?
Grenzen
Grenzen ermöglichen uns das Zusammenleben in der Gemeinschaft, sie geben uns wertvolle Orientierung und notwendigen Halt. Sie helfen uns zu erkennen, was wir selbst wollen oder nicht wollen. Wenn frau (Männer sind wie immer mitgemeint) in der Lage ist, ihre persönlichen Grenzen zu erkennen und zu verteidigen, hat das einen positiven Einfluss auf den Selbstwert und damit auf die mentale Gesundheit.
Denn wenn frau eigentlich oft Nein meint, aber Ja sagt, entsteht innerer Stress. Das Nein jedoch auszusprechen, fühlt sich unmittelbar unangenehm an, wäre langfristig aber besser für uns und unsere Beziehungen. Das Problem ist: Wer jahrelang immer automatisch Ja sagt, hat den „Nein-Muskel“ nie trainiert: Das Gehirn verknüpft das Nein dann mit Unbehagen, auch wenn wir selbst wissen, wie wichtig wäre, ab und zu Nein sagen zu können.
Was ins uns passiert, wenn wir das nicht können, demonstriert anschaulich dieses Reel der amerikanischen Influencerin Omaya Zein:
Viele Menschen lernen schon als Kind, dass Nein-Sagen egoistisch oder unhöflich sei. Insbesondere weiblich gelesenen Menschen wurde und wird häufig – absichtlich oder unabsichtlich – ein deutliches Harmoniebedürfnis anerzogen. Männlich gelesene Menschen sollen dagegen stark und unabhängig wirken. Beides erschwert ein gesundes „Nein“ im späteren Leben. Dazu kommt…
Das Umfeld der Erwachsenen
Wer immer und zu allem Ja sagt, wird oft gelobt: „So ein netter/hilfsbereiter/lieber/freundlicher/… Mensch!“ Nein-Sager gelten eher als schwierig, und natürlich wollen wir dazugehören – wir sind ja soziale Wesen. Angst vor Ablehnung lässt uns denken, dass uns die andere Person uns nicht mehr mag, wenn wir Nein sagen. Viele haben Angst vor Konflikten oder sogar echte Schuldgefühle: „Wenn ich Nein sage, bin ich ein schlechter Mensch.“ Sogenannte „People-Pleaser“ definieren ihren Selbstwert über die Zufriedenheit anderer. Dadurch fühlt sich ein Nein an wie Selbstverrat.
Vertrackt ist es in der Arbeitswelt: In vielen Branchen gilt Überlastung als Normalzustand und Nein-Sagen wird als Schwäche interpretiert. Solange alle dieses Spiel mitspielen, bleibt das auch so. In manchen Hierarchien traut sich daher niemand, Grenzen zu setzen. Erfreulicherweise gibt es Unternehmen, die mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Strukturen beginnen zu hinterfragen.
„Frauenleiden“
Gerade die weibliche Sozialisierung des „Gefallen-Wollens“ oder des „Gefallen-Müssens“ zum Selbstschutz* kann uns ein ganzes Leben lang hemmen, wenn wir uns nicht aktiv mit unseren Grenzen befassen.
* Machen wir uns nichts vor: Nach wie vor sind Frauen deutlich häufiger Opfer von häuslicher und sexualisierter Gewalt in Partnerschaften oder durch Täter aus ihrem eigenen Umfeld. Hilfe für Opfer von Gewalt gibt es z.B. bei der Opferhilfe Schweiz.
Wer Grenzen setzen und auch „Nein“ sagen kann, schützt sich vor Stress und Überlastung. Es lohnt sich, das zu üben. Dabei kann frau andere Menschen in ihrem Umfeld natürlich enttäuschen.
Aber ist das immer so schlimm?
Ent-täuschung
Enttäuschung bedeutet eigentlich Ent-Täuschung, also das Ende einer Täuschung, der wir aufgesessen sind. Wir hatten zuvor eine kleine oder grosse Fehlannahme getroffen und uns geirrt. Das tut weh und das ist kein schönes Gefühl. Daher ist es verständlich, dass Menschen verletzt reagieren können, nachdem ihnen eine Grenze gesetzt wurde.
Das ist an sich kein Drama, es sei denn, frau macht es zu einem. Ein wenig Geduld und Verständnis auf beiden Seiten (!) ist gefragt, damit sich das Gefüge wieder zurechtrücken kann.
Problematischer wird es, wenn das Gefühl der Kränkung sehr stark ist und/oder über längere Zeit besteht, und nicht abgebaut wird oder werden kann. Das beeinflusst die Beziehung negativ. Davor haben viele Menschen Angst und vermeiden es im Extremfall generell, irgendjemandem irgendwelche Grenzen zu setzen. Welche ungesunden Folgen das Unterdrücken der eigenen Bedürfnisse jedoch haben kann, haben wir schon gesehen.
Es gibt also Menschen – und ich nehme an, jede von uns hat diese Erfahrung gemacht – die dauerhaft nicht damit umgehen können, dass eine andere Person ihnen Grenzen setzt. Das ist im Einzelfall zu bedauern, aber in jedem Fall lehrreich. Eine Tatsache des Lebens ist nämlich – wenn wir ehrlich sind – auch: Wenn frau Menschen verliert, machen sie manchmal einfach Platz für neue. Creator off.gridaustin erinnert uns daran, dass den Frieden zu wahren, auch bedeutet, den inneren Frieden zu schützen:
Und wir dürfen ausserdem darauf vertrauen, dass es Menschen gibt, die uns und unsere Bedürfnisse wahrnehmen und respektieren. Vielleicht kennen wir sie nur einfach noch nicht?
Aber warum fällt es manchen Menschen so schwer, Grenzen zu setzen und/oder die Grenzen anderer zu akzeptieren?
Bedürfnisse
Jedes Lebewesen hat Bedürfnisse und manchmal sind diese Bedürfnisse diametral einander entgegengesetzt. Ich z.B. habe gerne Ruhe beim Schreiben. Der Besitzer des Hauses auf der gegenüberliegenden Strassenseite möchte Wohnungen renovieren. Verträgt sich das? Nicht wirklich. Hier sind Kompromisse gefragt und um die geht es später.
Wie das aussehen kann, wenn wir unsere Bedürfnisse nicht zum Ausdruck bringen, erläutert die moderne Parabel „Die knusprige Seite des Brötchens“…
Die knusprige Seite des Brötchens
Ein älteres Ehepaar feierte nach langen Ehejahren das Fest der goldenen Hochzeit. Beim gemeinsamen Frühstück dachte die Frau: „Seit fünfzig Jahren habe ich immer auf meinen Mann Rücksicht genommen und ihm immer das knusprige Oberteil des Brötchens gegeben. Heute will ich mir endlich diese Delikatesse gönnen.“ Sie schmierte sich das Oberteil des Brötchens und gab das andere Teil ihrem Mann. Entgegen ihrer Erwartung war dieser hocherfreut, küsste ihre Hand und sagte: „Mein Liebling, du bereitest mir die größte Freude des Tages. Über 50 Jahre habe ich das Brötchen-Unterteil nicht mehr gegessen, das ich vom Brötchen am allerliebsten mag. Ich dachte mir immer, du solltest es haben, weil es dir so gut schmeckt.“
Eine schöne Geschichte, anhand derer sich mehrere menschliche Zustände erkunden lassen. Die Wirklichkeit des menschlichen Lebens ist manchmal düsterer, wie wir oben gesehen haben. Aber auch ohne Gefahr unterdrücken wir unsere Bedürfnisse oft, anstatt sie adäquat zu kommunizieren. Das ist nicht gesund.
Also wie kommuniziert frau nun ihre Grenzen?
Umsetzung
Viele Coaches empfehlen eine harte Abgrenzung, also „Nein“ und fertig. Und ja, der Ausspruch „Nein ist ein ganzer Satz“ hat seine volle Berechtigung, wenn ich mich an der Bar einer aufdringlichen Person erwehren muss. Freundlichkeit tut da nicht Not.
Aber wir haben es ja nicht nur mit Fremden zu tun in unserem Leben, sondern auch mit Freunden. Eine neu entdeckte Fähigkeit des Grenzen-Setzens ist natürlich kein Freifahrtschein, Menschen vor den Kopf zu stossen. Vor allem in lange bestehenden Beziehungen ruft eine plötzliche Verhaltensänderung vielleicht Verunsicherung und Widerstand hervor. Das ist normal und Rücksicht ist auch keine Einbahnstrasse.
Ich sehe das daher kontextabhängig: Frau kann sich freundlich abgrenzen und idealerweise dem anderen eine Brücke bauen, sofern einem an der Beziehung liegt. Dabei geht es nicht um Rechtfertigung, sondern darum, ein gegenseitiges Verständnis zu erreichen. Kommunikation ist dabei alles und eine simple Erklärung (Achtung, nicht Rechtfertigung!) wie: „Ich habe ein Problem mit Abgrenzung, daher übe ich nun vermehrt das Nein-Sagen. Ich weiss, dass du eine sichere Person bist, daher möchte ich das mit dir üben, wenn das für dich in Ordnung ist.“ ist sehr wirksam: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine so angesprochene Person dir helfen wird, deine Grenzen zu finden und angemessen zu setzen, ist ziemlich hoch. So entsteht eine Kooperation.
Auch Kompromisse kann frau üben. Ein „Nein“ verknüpft mit einem konkreten Angebot wie z.B..: „Nein, darauf habe ich gerade nicht so recht Lust. Wie wär’s, wenn wir stattdessen….“ baut der anderen Person die oben erwähnte Brücke. Tönt gut, oder?
Kommunikation, Kooperation, und Kompromisse sind wichtig, um als Gesellschaft zu bestehen. Das betrifft nicht nur den Menschen, auch im Tier- und Pflanzenreich begegnen uns zahlreiche Beispiele.
Kompromisse
Kompromissbereitschaft gehört zu unserer Natur und ermöglicht uns das Zusammenleben in der Gesellschaft. Das Leben ist ein Geben und Nehmen, und daher ist auch das Nachgeben-Können erst einmal eine gute Eigenschaft. Eine Verhältnismässigkeit ist wichtig, damit alles in Balance bleibt.
Um mich in meinem Gefüge zu orientieren, finde ich persönlich es hilfreich, mich ab und zu zu fragen, wem gegenüber ich in welchem Masse verantwortlich bin. Welche Verantwortung habe ich mir selbst gegenüber? Welche Verantwortung habe ich gegenüber einer Freundin/einem Freund? Einer Kundin/einem Kunden? Einer bekannten oder unbekannten Person?
Wie auch immer das Ergebnis dieser Betrachtung ausfällt, wir können achtsam mit uns und den Bedürfnissen unserer Mitmenschen umgehen. Auch und vor allem, wenn wir Grenzen setzen müssen oder die Grenzen anderer erfahren.
Ein Tipp zum Schluss
Kami Orange ist Boundary Coach und Autorin aus den USA. Sie hat langjährige Erfahrung darin, Menschen dabei zu helfen, Grenzen zu setzen. Ihren Instagramkanal kann ich für kurze, knackige Inputs, konkrete Tipps, und Denkanstösse zum Thema Grenzen-Setzen sehr empfehlen!
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Heute schreibt an meiner Stelle Britta Delmas. Sie ist Finanzanalystin bei Public Eye.
Mein Opa und die Steuern
Mein Opa war ein freundlicher Mensch. Ein gemütlicher Mensch. Er genoss die kleinen und grossen Freuden des Lebens. Und er sah die Notwendigkeiten des Lebens als – nun ja, notwendig an.
Zu diesen Notwendigkeiten zählten auch die Steuern. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, bei der Steuererklärung zu schummeln, Einkünfte oder Vermögen nicht anzugeben:
Ich zahle gerne Steuern. Mir geht es doch gut. Und ich will es ja auch schön haben.
So einfach war das für meinen Opa.
Heute ist es komplizierter.
Heute verschieben Multimilliardäre und internationale Konzerne Einkünfte und Vermögen rund um den Erdball, immer auf der Suche nach der billigsten Steueroase. In den USA lassen sich die Multimilliardäre in Aktien bezahlen, weil sie diese im Gegensatz zu einem Gehalt nicht versteuern müssen. So zahlt manch Superreicher wie Warren Buffett weniger Steuern als seine Sekretärin – und merkt es nicht einmal, weil er so reich ist, dass die Steuern für ihn gar keinen Unterschied machen würden. Für seine Sekretärin schon.
Auf der Strecke bleiben vor allem diejenigen Länder, die ohnehin arm sind. Die internationalen Konzerne verkaufen dort zwar ihre Produkte, aber sie zahlen keine Steuern auf ihre Profite. Gerade die grossen Tech-Konzerne brauchen noch nicht einmal Mitarbeitende vor Ort, weil der Vertrieb über das Internet läuft. Die Gewinne werden dann in das Land verschoben, in dem die niedrigste Steuerquote lacht. Die Länder des Globalen Südens fordern zwar, dass die Unternehmen dort Steuern zahlen sollen, wo sie ihre Gewinne machen. Aber in der OECD, die das festlegen könnte, haben diese Länder kein Stimmrecht.
Wer in der Schweiz lebt, hat es noch einfacher:
Wer keine Steuern zahlen will, gibt seine Konten einfach nicht in der Steuererklärung an. Die Steuerbehörden können das nicht überprüfen. Sie haben kein Auskunftsrecht gegenüber den Banken. Vorstösse, das zu ändern, scheitern mit schöner Regelmässigkeit. Eine plausible Erklärung, weshalb einige Steuerpflichtige nicht die Steuern zahlen sollen, die sie nach geltendem Recht nun einmal schulden, bleibt die Politik schuldig. Der Bund hat auch keine Ahnung, wie viel Steuern uns allen hier durch die Lappen gehen. Und so bleibt alles beim Alten.
Wenn gar neue Steuern gefordert werden, folgen reflexartig Drohungen mit einer Abwanderung der Reichen, die dann auch noch ihre Unternehmen schliessen und die Mitarbeitenden auf die Strasse stellen würden. Und deshalb lässt man auch das lieber. Politische Gestaltungsfreiheit geht anders.
Dabei wollen auch reiche und erst recht superreiche Menschen gut leben: Auto oder Tram fahren auf gut ausgebauten, sicheren Strassen. Fliegen von modernen Flughäfen. Ihre Kinder auf gute Schulen und Universitäten schicken. In erstklassigen Krankenhäusern behandelt werden. Und so weiter. Wie du und ich und mein Opa. Alles finanziert mit den Steuern, die du und ich und mein Opa zahl(t)en.
Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass diejenigen mit den breitesten Schultern sich so beteiligen, wie sie es vermögen. Grosse Vermögen vermögen mehr. Vielleicht sogar mehr als wir ihnen zutrauen.
Das würde auch mein Opa so sehen.
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Foto von Ahna Hubnik (University of North Texas) für den Artikel „Turning the Page“
Das auf dem Foto ist Ross McCammon, ein US-amerikanischer Autor, Redakteur, und Kolumnist. „Two Beers and a Puppy“ ist ein einfacher, aber effektiver Test, den er während seiner Zeit bei Esquire entwickelt hat.
Two Beers and a Puppy
Dieser Test hilft einem dabei, herauszufinden, wie man die Beziehung zu einer spezifischen Person wahrnimmt. Dazu sucht man sich eine Person in seinem Umfeld aus – die nette Nachbarin mit dem Yorkie, den Schwippschwager, oder Ulrike aus der Yoga-im-Park-Gruppe – und stellt sich zwei Fragen:
🍺 Möchte ich mit dieser Person nach Feierabend zwei Bier* trinken gehen?
🐕 Möchte ich dieser Person meinen Hund für ein ganzes Wochenende anvertrauen?
*Es muss nicht zwingend Bier sein, es eignet sich im Grunde jedes Getränk für dieses Gedanken-, bzw. praktische Experiment. Zum Beispiel auch dieser alkoholfreie Cocktail mit Koriander 🌿:
Mittels der ersten Frage 🍺 finden wir heraus, ob wir uns gerne in Gesellschaft dieser Person befinden. Die zweite Frage 🐕 beleuchtet das persönliche Vertrauensverhältnis: Würde ich dieser Person etwas anvertrauen, das mir selbst ausgesprochen wichtig ist? Die möglichen Antworten geben uns Aufschluss über die Qualität unserer Beziehung.
Ja und ja: Wenn wir richtig Glück haben, gibt es Menschen in unserem Leben, mit denen wir unbegrenzte Drinks einnehmen UND denen wir einen Korb voller Hundewelpen geben möchten.
Ja und nein: Feierabenddrinks dann und wann sind vollkommen in Ordnung, Hundesitten über’s Wochenende aber doch eher nicht. Manche Menschen befinden sich vielleicht im Bereich „Gut, vielleicht nicht gleich für ein ganzes Wochenende, aber durchaus mal für 2 Stunden am Donnerstagnachmittag.“ Das ist vollkommen OK.
Nein und ja: Nun gibt es Menschen, mit denen man nicht gerne viel Zeit verbringt, die aber vertrauenswürdig sind. Auch diese gilt es zu schätzen.
Nein und nein: Solche Menschen kennen wir natürlich auch. Vermutlich sogar viele. Aber sind wir hier denn schon fertig?
Two Beers and a Puppy and a Job
Das ursprüngliche Modell setzt stark auf die Konzepte Sympathie und persönliches Vertrauen, und das ist verständlich: Wir arbeiten meistens lieber mit Menschen, die wir mögen. Nun ist Sympathie leider kein guter Massstab für Kompetenz, und unter Umständen kann zu viel Nähe in einer geschäftlichen Beziehung sogar problematisch werden.
Risiken
Ungünstigtenfalls schleichen sich folgende Muster ein, die alle in der einen oder anderen Form schädlich für den Erfolg des Geschäfts sein können:
Konflikte werden vermieden, weil die persönliche Beziehung nicht belastet werden soll oder sie keine Belastung aushält.
Feedback wird nicht ausreichend klar kommuniziert. Damit wird die Harmonie gewahrt, aber die Wirksamkeit der Zusammenarbeit leidet.
Diskussionen finden auf einer persönlichen, statt auf einer sachlichen Ebene statt. Damit werden Entscheidungen nicht rational getroffen. Und das ist bekanntermassen sehr schlecht für’s Geschäft.
Ich habe mir daher erlaubt, das Modell für mich zu erweitern, denn ich habe im Laufe meines Lebens Menschen kennengelernt, bei denen die Antwort auf „Two Beers and a Puppy“ nein und nein ist – aber dennoch oder gerade deswegen konnte und kann ich wunderbar mit ihnen zusammenarbeiten, durch Professionelle Reibung statt persönlicher Belastung. Daher lautet meine Version ganz pragmatisch: „Two Beers, a Puppy, and a Job“. Die dritte Frage lautet damit also:
Würde ich dieser Person einen Job geben?
Analyse
Die Darstellung habe ich eine generative AI machen lassen.
Bei der dritten Frage geht es um die berufliche Kompetenz und das geschäftliche Vertrauensverhältnis: Leistet diese Person gute Arbeit und ist zuverlässig? Damit erweitern sich die möglichen Antwortmöglichkeiten:
Ja, ja und ja: Die gefühlt ideale Konstellation, nämlich Menschen, mit denen wir gerne Zeit verbringen, denen wir vertrauen, und die exzellente Arbeit leisten. Das ist selten, aber glücklicherweise auch nicht nötig, um gemeinsam im Businesskontext gute Ergebnisse zu erzielen. Im Gegenteil, siehe die oben erwähnten Risiken.
Ja, ja und nein: Unbegrenzte Drinks und ein Korb voller Hundewelpen! Damit können wir uns glücklich schätzen und es sehr gut dabei belassen.
Ja, nein und ja: Viele Arbeitskollegen fallen in dieses Schema: Man versteht sich blendend und arbeitet gut zusammen. Und nach dem Feierabendbier am Freitagabend trennen sich die Wege.
Nein, ja und ja: Diese Menschen sind einem nicht unbedingt sympathisch, aber ausgesprochen vertrauenswürdig und professionell.
Nein, ja und nein: Diese Menschen sind einem nicht unbedingt sympathisch, aber auf der persönlichen Ebene vertrauenswürdig.
Ja, nein und nein: Auf einer persönlichen Ebene ist man sich oberflächlich sympathisch – vielleicht kennt man sich auch noch nicht so lange – tiefer geht die Beziehung aber (noch) nicht.
Nein, nein und nochmals nein: Nun, das ist wenig überraschend ein allgemeines Nein.
Nein, nein und…ja: Eine gute berufliche Zusammenarbeit ohne persönliche Nähe ist möglich. Wie das funktioniert? Ganz einfach:
Ohne die „two beers“ fehlt die Sympathie in der Beziehung. Das ist für einen erwachsenen Menschen normalerweise aber verkraftbar. Ohne „a puppy“ fehlt die persönliche Vertrauensbasis, auch das ist kein grosses Problem. Ohne Respekt aber – keine Chance! Respekt bedeutet:
Ich nehme den Menschen ernst
Ich höre dem Menschen zu und gebe ihm Raum
Ich trage meinen Teil bei
Ich spiele keine Spiele
Respekt reicht im geschäftlichen Umfeld bei vorhandener Kompetenz vollkommen aus, da muss man sich nicht mögen. Gerade in grossen Projekten, Transformationsprozessen oder schwierigen Kontexten kann das sogar überlegen sein.
Gute Zusammenarbeit fusst nicht auf Nähe, sondern auf Vertrauen und Respekt.
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Wir schreiben das Jahr 2026 nach Christus. Das entspricht dem Jahr 5786 im Jüdischen Kalender, 1447 nach der Hidschra, und dem 43. Jahr im 78. Zyklus des traditionellen chinesischen Kalenders.
Letzteres das Jahr des „Feuer-Pferdes“, für alle, die es genau wissen wollen. Wir bauen grosse Batterien in der kleinen Schweiz, fahren E-Autos, nutzen TikTok. Im beschaulichen Basel fassen Matcha Bars langsam Fuss. Wir reden über DEI in Grosskonzernen, „psychologische Sicherheit“ ist schon fast ein Buzzword. Die Menschheit reiste kürzlich wieder zum Mond, Ungarn hat eine neue Regierung, und im Businesskontext trendet Agilität wieder – oder immer noch…ich weiss es doch auch nicht.
Und trotzdem fand ich mich vor einiger Zeit in einem Netzwerk-Event der IT-Branche wieder, in der der Vortragende damit kokettierte, dass ein früherer Arbeitgeber ihn wegen frauenfeindlicher „Witze“ einst abgemahnt hätte. Was war die Reaktion im männlich dominierten Raum? Anerkennendes Nicken und Gelächter. Echt jetzt?
Diese kleine Szene sagt mehr aus als man zunächst meint, denn diverse Studien zeigen, dass Sexismus in der Arbeitswelt kein Relikt der Vergangenheit ist, sondern ein strukturelles Problem, das sich besonders in männlich dominierten Räumen wie der IT hervorragend hält.
Laut der Universität St. Gallen erleben Frauen in der Schweizer Techbranche regelmässig Mikroaggressionen. Das reicht von „harmlosen Witzen“ (haha) bis hin zur systematischen Abwertung ihrer Erfahrung und Expertise. Besonders perfide dabei ist: Je agiler und moderner ein Unternehmen sich gibt, desto häufiger werden solche Verhaltensweisen als „kleine Provokationen“ oder „hemdsärmeliger Charme“ verharmlost. Das Problem ist, dass scheinbar niemand das Problem sieht: Agile Prinzipien basieren auf Respekt, Zusammenarbeit, und kontinuierlicher Verbesserung. Wenn jedoch immer dieselbe Gruppe von Menschen die Deutungshoheit darüber hat, wer als kompetent gilt und wer sprechen darf, wird Agilität zur Farce.
Und wie Laura Bates in ihrer Arbeit zeigt, sind es oft gerade die informellen Räume wie Netzwerk-Events und Vortragsveranstaltungen, in denen Sexismus ungestraft bleibt, weil er als „harmlos“ abgetan und mit Nicken und Gelächter quittiert wird. Neben der offensichtlichen Korruption des Agiltätsbegriffes, ist so ein Verhalten – und auch das Tolerieren eines solchen Verhaltens – schlicht dumm. Das folgende Zitat stammt aus der Swissmem Diversity Benchmarking Studie von 2024:
Frauen verlassen Unternehmen der Tech-Branche häufiger nach drei bis fünf Dienstjahren als Männer. Dies hat direkte Auswirkungen auf den Fachkräftemarkt, da wertvolle Talente verloren gehen.
Wollen Unternehmen das? Wollen WIR das?
Von den spezifischen Problemen bestimmter Branchen einmal abgesehen, wie können wir alle in Zukunft ein wenig besser mit Diskriminierung umgehen? Hier sind 3 Anregungen:
1. Benennen, was passiert
Wenn jemand eine Aussage macht, die andere Menschen abwertet – frage nach: „Was genau ist daran lustig?“ „Warum glaubst du, dass …?“ Oft reicht eine einfache Nachfrage, um eine schädliche Dynamik sichtbar zu machen. Selbstverständlich gilt das für alle Arten diskriminierender Aussagen, nicht nur für den Sexismus.
2. Expertise sichtbar machen
Wenn eine Person im Meeting nicht zu Wort kommt oder ihr Beitrag ignoriert wird – zeige aktiv Aufmerksamkeit: Halte z.B. Blickkontakt und hebe leicht die Hand, um ihre Wortmeldung zu unterstützen. Sätze wie „Moment, [Name] war noch nicht fertig.“ oder „[Unterbrecher], lass [Name] bitte ausreden, dann kommen wir zu dir.“ schaffen Raum.
3. Muster durchbrechen
Studien wie die der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen belegen, dass Diversität in Speaker-Listen oder Führungsteams kein „Nice-to-have“ ist, sondern ein Qualitätskriterium. Wenn das bedeutet, dass wir die Machtbalance ein wenig stören müssen, um zukunftsfähig zu werden, ist das doch ein kleiner Preis. Und jede und jeder von uns kann dazu beitragen.
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In vielen Kontexten, insbesondere in queeren, antirassistischen, oder feministischen Räumen, ist von „Safer Spaces“ – also nicht von „sicheren Räumen“, sondern von „sichereren Räumen“ – die Rede. Warum wir nicht einfach von „Safe Spaces“ sprechen, dafür gibt es einen guten Grund:
Safe Space
Ein Safe Space wird gemeinhin als ein Ort verstanden, an dem Menschen sich vollkommen frei, sicher, und geschützt fühlen können und keine Angst vor Abwertung, Diskriminierung, oder Gewalt haben müssen. Das klingt wunderbar, ist aber nicht realistisch: Sicherheit ist eine individuelle Wahrnehmung, und keine Gruppe, kein Raum, keine Struktur ist gänzlich frei von Machtgefällen oder unbeabsichtigten Mikroaggressionen, von unreflektierter Sprache oder blinden Flecken. Das gilt insbesondere für heterogene Gruppen.
Safer Space
Deshalb reden wir lieber von einem Safer Space. Das ist ein Raum, in dem wir uns aktiv um Sicherheit bemühen, in dem wir Diskriminierungserfahrungen reflektieren, unsere Fehler anerkennen und daraus lernen, und gemeinsam daran arbeiten, Zugehörigkeit und Schutz möglich zu machen und zwar so gut es eben geht. Der Begriff ist eine Einladung zu kritischer Offenheit (ja, und dazu gehört auch Verletzlichkeit) statt zu einer Illusion von Perfektion.
🌈Ein Safer Space ist also kein Versprechen, das sich möglicherweise nicht halten lässt, sondern als eine Haltung zu verstehen. Dieser Unterschied ist wichtig.
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Möglicherweise kommt dir das bekannt vor: Ein neuer Morgen, eine neue to do-Liste, gute Vorsätze, eindeutige Prioritäten. Dann kommt der Abend und das Gefühl, unbefriedigend wenig von dem geschafft zu haben, was uns eigentlich wichtig ist. Stattdessen haben wir uns zwischen Meetings, eMails, und Anfragen verloren, und fragen uns: Wo ist nur die Zeit geblieben?
Da ich mir heute genau dieselbe Frage stelle und meine to do-Liste wartet, gibt es nun statt eines langen Textes einen Podcast-Tipp für dich: In der aktuellen Folge des empfehlenswerten ZEIT-Podcasts „Geht da noch was?“ widmen sich die Moderatorinnen Lisa Hegemann und Rose Tremlett der Frage „Wie finde ich im Job die richtige Balance zwischen Aufgaben, auf die ich Lust habe, und jenen, die halt gemacht werden müssen?“
➡️ Hier kannst du dir den Podcast direkt anhören:
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Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt das Thema Tod und Sterblichkeit. Wenn du dich damit gerade nicht auseinandersetzen möchtest, lies bitte nicht weiter.
Nach dem Tod eines Menschen bleibt unter anderem eine Aufgabe: Die Auflösung des Haushalts. Dann werden Schränke geöffnet, Schubladen geleert, und viele Ordner durchgesehen. Irgendwann, nach Stunden oder Tagen des Sichtens und Sortierens, kristallisiert sich eine Frage heraus. Sie ist nicht besonders philosophisch, sondern ziemlich pragmatisch:
Brennbar oder nicht brennbar?
Diese Frage entscheidet über das Schicksal von Möbeln, Geschirr, Kleidung, Schmuck, Büchern, Papieren, Liebesbriefen und Reisesouvenirs. Sie entscheidet über Containergrössen, Abholtermine, die Anzahl der benötigten Sperrgutvignetten, und die ungefähren Entsorgungskosten. Diese Frage repräsentiert das letzte Ordnungssystem, das auf ein Leben angewendet wird.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Frage selbst, sondern die radikale Vereinfachung, die sie repräsentiert: Ein ganzes menschliches Dasein mit Beziehungen, Konflikten, Ambitionen, Erfolgen und Misserfolgen wird am Ende auf die Materialeigenschaften reduziert: ➡️ Holz, Papier, Textilien, usw.: ja ➡️ Metall, Glas, Elektronik, etc.: nein
Der ganze Besitz, der zu Lebzeiten Bedeutung trug, vielleicht einen Status ausdrückte oder Sicherheit versprach, verliert mit seinem Besitzer auch seinen Bezug. Was bleibt, sind die reinen Dinge und ihr Wert bemisst sich nicht mehr anhand dessen, was sie einmal bedeuteten, sondern an dem, was sie jetzt kosten – an Zeit, an Platz, und an Entsorgungsgebühren.
Dabei zeigt sich ein Missverhältnis: Manche Gegenstände wurden einst angeschafft, weil sie wichtig erschienen. Andere, weil sie etwas repräsentieren sollten. Wieder andere, weil man sie „vielleicht einmal brauchen könnte“. Am Ende jedoch brauchen diese Dinge eines, nämlich eine Einordnung: Brennbar oder nicht brennbar?
Oft sind es nicht so sehr die materiell wertvollen Dinge, die den Hinterbliebenen diese Entscheidung schwer machen, sondern es sind die Objekte mit unklarem Status: Dinge ohne materiellem Wert, aber mit einer Geschichte. Dinge, deren Bedeutung sich aus den Erinnerungen ergibt, die an ihnen haften. Diese Erinnerungen sind nicht immer übertragbar: Vielleicht behält jemand ein Erinnerungsstück von einen geliebten Menschen, doch damit hat sich die Bedeutung dieses Gegenstandes bereits gewandelt. Das Reisesouvenir von der Hochzeitsreise zum Gardasee zum Beispiel: Für die Mutter war es ein Symbol der Verbundenheit mit ihrem Mann. Für die Tochter wird es zum Erinnerungsstück an die Mutter. Die Bedeutung hat sich also gewandelt, nicht aber das Objekt. Hier liegt also die Erkenntnis:
Bedeutung ist nicht lagerfähig.
Die Fülle an Erfahrungen eines menschlichen Lebens, die Werte, Haltungen, eine bestimme Art zu sprechen, zu handeln, zu agieren und zu reagieren, das alles entzieht sich der Frage nach der Brennbarkeit im Entsorgungsunternehmen. Diese Konzepte verschwinden nicht in Sammelcontainern, sondern existieren – wenn wir grosses Glück haben – in anderen Menschen weiter.
Vielleicht ist das der Kern dieser haushaltsphilosophischen Betrachtung: Materieller Besitz überdauert uns selten in einer sinnstiftenden Art und Weise, und Bedeutung haftet tendenziell schlecht an Gegenständen. Dafür umso besser im Gedächtnis der Menschen, die uns einst liebten.
Vielleicht lohnt es sich daher, die Anwendung des letzten Ordnungssystems nicht so lange aufzuschieben, bis es jemand anderes für uns tun muss. Vielleicht liegt in der Anerkennung dieser Radikalität auch eine Befreiung und die Chance, sich heute schon bewusst zu fragen, was wir loslassen können und was wir weitergeben möchten. Und natürlich nicht zuletzt die Frage: Wie wollen wir bis dahin leben?
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Das Jahr 2026 ist nun einen Monat alt und fühlt sich bereits schwer an. Alles verlangt aktuell nach einer Reaktion, nach einem Statement, nach einer Haltung. Und ganz trivial müssen eben auch die Rechnungen raus, ein Angebot geschrieben werden, und bei X wollte man sich auch noch dringend melden. Die Wäsche will gemacht werden und der Wasserhahn in der Kaffeeküche tropft auch schon wieder. Und das alles vor dem Hintergrund der Dauerkrisen.
Das Ausruhezeichen setzt sich dem entgegen und möchte, dass wir einen Moment innehalten und stehen bleiben. Und uns vielleicht sogar kurz spüren – hier auf unserem Bürosessel, auf dem Sofa, auf unserem Sitzplatz im Tram.
Folgen wir doch einmal für ein paar Sekunden unserem eigenen Atemrhythmus, statt uns von der Welt den Takt vorgeben zu lassen.
So.
Wenn wir nämlich dauernd unter Spannung stehen, ist das 1. nicht gesund und 2. nicht nachhaltig: Wer nie innehält, verbraucht mehr Ressourcen – physische und psychische – als nachgebildet werden können.
Ausruhen bedeutet auch nicht aufgeben, im Gegenteil. Es bedeutet, verantwortungsvoll mit den eigenen Kräften umzugehen, bevor sie erschöpft sind.
Das Ausruhezeichen erinnert uns daran, dass wir uns ruhig einmal rausnehmen dürfen. Wir müssen nicht immer gleich reagieren.
Wir können uns die Zeit nehmen, einmal tief durchzuatmen.
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Die Komplexität der Gegenwart gibt uns keine einfachen Antworten. Das können wir nutzen.
Ich wünsche dir einen guten Start ins neue Jahr – mit Aufmerksamkeit für dich selbst, Offenheit für das Ungewisse, und Raum für neue Fragen!
Zum Jahresbeginn scheinen einfache Antworten besonders gefragt. Ich selbst ertappe mich dabei: Unser Leben ist kompliziert genug, daher streben wir nach guten Vorsätzen und definierbaren Zielen. Wir schreiben Listen dessen, was wir dieses Jahr anders machen werden, was wir erreichen, und was wir hinter uns lassen möchten.
Der Wunsch dahinter ist verständlich, denn in unserer unübersichtlichen Welt versprechen Antworten Sicherheit. Sie geben uns das Gefühl, auf das, was da kommen mag, vorbereitet zu sein. Und während ich diese Sätze in die Tatstatur meines alten iMacs tippe, ist mir natürlich klar, dass das nicht funktioniert. Und dir, während du das hier liest – vermutlich auch.
Wir leben in einer komplexen Gegenwart und werden direkt oder indirekt beeinflusst durch geopolitische Spannungen, ökologische Krisen, und gesellschaftliche Umbrüche. Daher lassen sich viele der Fragen, mit denen wir heute konfrontiert sind, nicht mehr einfach und eindeutig lösen. Die Dinge sind vielschichtiger und widersprüchlicher, miteinander verknüpft und voreinander abhängig. Jede Antwort scheint weitere Fragen zu erzeugen.
Das ist nicht angenehm. Aber was, wenn wir beginnen, uns einfach darauf einzulassen?
Antworten geben Struktur und helfen uns handlungsfähig zu bleiben. Jedoch haben sie eine Kehrseite: Sie schliessen Möglichkeiten aus, sie schliessen Türen. Antworten beruhigen uns, manchmal zu unrecht. Das Vorgehen bestimmter gesellschaftlicher Strömungen und politischer Parteien z.B. beruht, wie wir wissen, auf (zu) einfachen Antworten auf komplexe Probleme.
Fragen hingegen halten Möglichkeiten offen: Sie erlauben es, Unsicherheit als Teil des Lebens wahrzunehmen und zuzulassen. Fragen lassen uns genauer hinsehen. Komplexe Zeiten verlangen vielleicht nicht nach mehr Gewissheit – die ist ohnehin trügerisch – sondern nach mehr Raum für Möglichkeiten.
In einer Welt, die sich ständig verändert, kann das eine hilfreiche Haltung sein. Wie wäre es, wenn wir das neue Jahr nicht mit Vorsätzen beginnen, sondern mit Fragen?
Gute Vorsätze folgen ja einem vertrauten Muster: Ich „weiss“, was richtig ist und setze es – endlich!! – um. Dieses Wissen ist aber nicht immer so sicher, wie es scheint. Manchmal beruht es auf alten Annahmen, überholten Selbstbildern, oder gesellschaftlichen Erwartungen.
Fragen wiederum lassen Raum lassen für Ambivalenz und Veränderung. Gute Fragen für das sich noch neu und gerade frisch ausgepackt anfühlende Jahr sind z.B.:
Was möchte ich?
Warum?
Welche Themen in meinem Leben benötigen mehr Aufmerksamkeit?
Welche Antworten trage ich mit mir, weil sie mir Sicherheit geben?
Wo könnte ich mehr Unsicherheit aushalten?
Unsicherheit hat einen schlechten Ruf. Das finde ich furchtbar, denn Unsicherheit ist meines Erachtens ein Ausdruck von Verantwortung. Wer die Welt ernst nimmt, kann – darf – sich nicht immer 100% sicher sein. Wer nationale und globale Zusammenhänge bedenkt, weiss, dass einfache Lösungen selten ausreichen. Unsicherheit ist Verantwortungsbewusstsein und bedeutet, sich der Tragweite von Entscheidungen bewusst zu sein.
Vielleicht ist das eine angemessenere Haltung für unsere Zeit als der Ruf nach einfachen Antworten. Fragen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Aufmerksamkeit für uns selbst, für andere, und für die komplexe Welt, in der wir leben. Unsicherheit gehört zu uns und zu unserem Leben dazu. Also können wir ihr auch die Tür öffnen und sie hereinlassen.
Das neue Jahr muss also nicht mit dieser viel bemühten Klarheit beginnen, es darf auch einfach mit Offenheit starten. Mit Fragen, die nicht sofort beantwortet werden müssen, und vor allem mit der Bereitschaft, uns gegenseitig zuzuhören, dazuzulernen, und unsere eigenen Gewissheiten immer wieder…in Frage zu stellen.
Vielleicht ist das ein tauglicher Vorsatz für das noch junge Jahr: Weniger nach Antworten suchen, sondern nach besseren Fragen.
Mit welcher Frage beginnst du das neue Jahr?
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