Bedeutung ist nicht lagerfähig
Triggerwarnung: Dieser Artikel behandelt das Thema Tod und Sterblichkeit. Wenn du dich damit gerade nicht auseinandersetzen möchtest, lies bitte nicht weiter.

Nach dem Tod eines Menschen bleibt unter anderem eine Aufgabe: Die Auflösung des Haushalts. Dann werden Schränke geöffnet, Schubladen geleert, und viele Ordner durchgesehen. Irgendwann, nach Stunden oder Tagen des Sichtens und Sortierens, kristallisiert sich eine Frage heraus. Sie ist nicht besonders philosophisch, sondern ziemlich pragmatisch:
Brennbar oder nicht brennbar?
Diese Frage entscheidet über das Schicksal von Möbeln, Geschirr, Kleidung, Schmuck, Büchern, Papieren, Liebesbriefen und Reisesouvenirs. Sie entscheidet über Containergrössen, Abholtermine, die Anzahl der benötigten Sperrgutvignetten, und die ungefähren Entsorgungskosten. Diese Frage repräsentiert das letzte Ordnungssystem, das auf ein Leben angewendet wird.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Frage selbst, sondern die radikale Vereinfachung, die sie repräsentiert: Ein ganzes menschliches Dasein mit Beziehungen, Konflikten, Ambitionen, Erfolgen und Misserfolgen wird am Ende auf die Materialeigenschaften reduziert:
➡️ Holz, Papier, Textilien, usw.: ja
➡️ Metall, Glas, Elektronik, etc.: nein
Der ganze Besitz, der zu Lebzeiten Bedeutung trug, vielleicht einen Status ausdrückte oder Sicherheit versprach, verliert mit seinem Besitzer auch seinen Bezug. Was bleibt, sind die reinen Dinge und ihr Wert bemisst sich nicht mehr anhand dessen, was sie einmal bedeuteten, sondern an dem, was sie jetzt kosten – an Zeit, an Platz, und an Entsorgungsgebühren.
Dabei zeigt sich ein Missverhältnis: Manche Gegenstände wurden einst angeschafft, weil sie wichtig erschienen. Andere, weil sie etwas repräsentieren sollten. Wieder andere, weil man sie „vielleicht einmal brauchen könnte“. Am Ende jedoch brauchen diese Dinge eines, nämlich eine Einordnung: Brennbar oder nicht brennbar?
Oft sind es nicht so sehr die materiell wertvollen Dinge, die den Hinterbliebenen diese Entscheidung schwer machen, sondern es sind die Objekte mit unklarem Status: Dinge ohne materiellem Wert, aber mit einer Geschichte. Dinge, deren Bedeutung sich aus den Erinnerungen ergibt, die an ihnen haften. Diese Erinnerungen sind nicht immer übertragbar: Vielleicht behält jemand ein Erinnerungsstück von einen geliebten Menschen, doch damit hat sich die Bedeutung dieses Gegenstandes bereits gewandelt. Das Reisesouvenir von der Hochzeitsreise zum Gardasee zum Beispiel: Für die Mutter war es ein Symbol der Verbundenheit mit ihrem Mann. Für die Tochter wird es zum Erinnerungsstück an die Mutter. Die Bedeutung hat sich also gewandelt, nicht aber das Objekt.
Hier liegt also die Erkenntnis:
Bedeutung ist nicht lagerfähig.
Die Fülle an Erfahrungen eines menschlichen Lebens, die Werte, Haltungen, eine bestimme Art zu sprechen, zu handeln, zu agieren und zu reagieren, das alles entzieht sich der Frage nach der Brennbarkeit im Entsorgungsunternehmen. Diese Konzepte verschwinden nicht in Sammelcontainern, sondern existieren – wenn wir grosses Glück haben – in anderen Menschen weiter.
Vielleicht ist das der Kern dieser haushaltsphilosophischen Betrachtung: Materieller Besitz überdauert uns selten in einer sinnstiftenden Art und Weise, und Bedeutung haftet tendenziell schlecht an Gegenständen. Dafür umso besser im Gedächtnis der Menschen, die uns einst liebten.
Vielleicht lohnt es sich daher, die Anwendung des letzten Ordnungssystems nicht so lange aufzuschieben, bis es jemand anderes für uns tun muss. Vielleicht liegt in der Anerkennung dieser Radikalität auch eine Befreiung und die Chance, sich heute schon bewusst zu fragen, was wir loslassen können und was wir weitergeben möchten. Und natürlich nicht zuletzt die Frage:
Wie wollen wir bis dahin leben?
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