Ende 2024 habe ich meinen Traum verwirklicht und bin auf einem Expeditionsschiff für mehrere Wochen in die Antarktis gereist. Was ich dort erlebt habe, hat mein Leben für immer verändert. Ich habe Dinge gesehen und Menschen kennengelernt, die meinen Blick geschärft haben für die Wunder unseres Planenten und die Stärke der menschlichen Gemeinschaft.
Im Nachgang habe ich meine Gefühle und Gedanken in Worte gefasst, um andere Menschen an diesem Erlebnis teilhaben zu lassen. Alle Texte finden Sie hier zum Nachlesen.
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- Die Drake Passage
- Die Antarktische Konvergenzzone
- Die Ocean Endeavour
- Die Kabinen
- Die Crew
- Das Leben an Bord
- Dekontamination
- Monochrom
- Eisberge
- Packeis
- Pinguine
- Robben
- Wale
- Walfriedhöfe
- Frauenpower
- Organisationen

Die Drake Passage
Die Drake Passage beschreibt die Strecke zwischen der Südspitze Südamerikas (Sie haben vielleicht schon vom berühmt-berüchtigten Kap Hoorn gehört) und der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel. Sie verbindet den Atlantischen Ozean mit dem Pazifischen Ozean und gehört zum Südlichen Ozean. Sie zu queren dauert im Durchschnitt 2 Tage.
Diese Strecke ist schwer berechenbar, da der Antarktische Zirkumpolarstrom mitten hindurch geht und mit ihm ein, sagen wir, sehr dynamisches Wellenverhalten. Die signifikante Wellenhöhe gibt ungefähr Aufschluss über das zu Erwartende. Auf dem Hinweg erlebten wir eine signifikante Wellenhöhe von 4 Metern (+/- 2 Meter), das ist ein sogenannter „Drake Lake“, ein mehr oder weniger entspanntes Dahinschaukeln.
Wenn es da nicht die „Freak Waves“ gäbe. „Freak Waves“ sind Wellen, die sich nicht an die Vorhersagen der signifikanten Wellenhöhe halten und die sich unvermittelt sehr hoch aufbauen können. Daher muss man immer auf alles gefasst sein, wenn man sich in der Drake Passage befindet und an Bord bewegt. Das ist mit auch der Grund, warum die Bullaugen während der Passage geschlossen gehalten werden. Dennoch haben sich einige Leute an Bord verletzt – Schiffsärztin Dr. Rae hatte die eine oder andere Platzwunde zu nähen, Physiotherapeutin Claudia die eine oder andere Zerrung zu behandeln. Bis darauf, dass mich eine „Freak Wave“ einmal fast aus der Dusche gekegelt hätte und ich meinen Kontaktlinsenbehälter auf der Ablage im Bad festkleben musste, ist mir aber nichts dergleichen passiert.
Seekrankheit ist auch bei einem „Drake Lake“ für die Landratten ein Thema. Schiffsärztin Dr. Rae gibt umfassenden medizinischen Rat und empfiehlt vor allem die präventive Einnahme von Meclozin und verwandten Präparaten. Dem komme ich gerne nach und das hilft mir und der überwiegenden Mehrheit der Personen auf dem Schiff auch sehr gut.
Auf dem Rückweg erleben wir dann einen „Average Drake“, zu diesem Zeitpunkt sind wir aber alle doch bereits recht seefest. Die Extremform übrigens ist der sogenannte „Drake Shake“ – wir sind alle froh, diesen nicht zu erleben.

Die Bullaugen bleiben in der Drake Passage geschlossen.



Die Antarktische Konvergenzzone
Während der Drake Passage überquert man mit der Antarktischen Konvergenzzone eine ozeanographische Grenze: Kalte, antarktische Wassermassen treffen auf wärmere aus dem Norden und bilden eine Übergangszone, die viele Meilen breit sein kann.
Innerhalb der Konvergenzzone passiert sehr viel Wetter auf einmal, was dazu führt, dass Meer und Himmel durch den Dunst zu einem weissen Nichts verschmelzen. Man nennt diesen Zustand auch „the inside of a ping pong ball“, da der Horizont nicht mehr zu erkennen ist. Ein wahrlich gespenstischer Zustand: Der Dunst schluckt den Lärm der Maschinen, kein Vogel ist zu hören, das Schiff bewegt sich fast lautlos und um einen herum ist nur Weiss.
Je nach Wind und Strömung verschiebt sich die Position der Konvergenz nach Süden oder Norden. Merklich ist der plötzliche Temperaturabfall um mehrere Grad.

Die Ocean Endeavour
Die Ocean Endeavour – ursprünglich Konstantin Simonov (1982) – ist eine der „Seven Sisters“, der sieben Fähren der polnischen Dmitriy Shostakovich-Klasse.

Aktuell fährt sie als „ice-strengthened expedition ship“ unter der Flagge von Madeira. Ihre Schwesterschiffe sind die Dmitriy Shostakovich (1980, verschrottet 2016), Georg Ots (1980-2014), Lev Tolstoy (1981-2014), Mikhail Suslov (1982-2013), Mikhail Sholokhov (1986-2011) und Konstantin Chernenko (1986, noch in Betrieb).

Auch die über 40 Jahre alte Ocean Endevour wird am Ende dieser Saison verschrottet werden, daher war diese Reise in mehr als einer Beziehung eine besondere.
Da die OE ein kleines Schiff ist, dürfen wir in Bereiche einfahren, die den grossen Kreuzfahrtschiffen verwehrt bleiben, und dort sogar an Land gehen.


Die Kabinen
Ich habe eine Einzelkabine mit Bullauge in einem der unteren Decks. Zu jeder Kabine gehört ein kleines Badezimmer und clever angelegter Stauraum – Kein Zentimeter des wertvollen Platzes auf dem Schiff bleibt ungenutzt.

Im sogenannten „Mudroom“, ebenfalls in einem der unteren Decks und in kurzer Distanz zur Zodiak Gangway, wird die schwere und oftmals nasse Ausrüstung aufbewahrt, bzw. getrocknet. Damit man sich beim Anziehen nicht die Quere kommt, sind wir in Gruppen eingeteilt, die nacheinander aufgerufen werden.


Die Crew
Die Landratten passen sich schnell an: Die Abkürzung ABS bekommt eine neue Bedeutung, nämlich „Able-bodied Seamen“, und der Sailor’s Grip wird zur täglichen Gewohnheit.

Die Crew stammt hauptsächlich von den Philippinen, der Kapitän („Captain Jacques“) kommt aus Südafrika, der Navigator aus Spanien, und der Rest der Besatzung aus aller Herren Länder.

Wissenschaftler sind an Bord, und Menschen aus ganz verschiedenen Berufen. Manche sind bereits pensioniert, manche noch nicht einmal im Arbeitsleben angekommen. Viele sind dazwischen, uns alle eint die Suche nach dem Abenteuer – und vielleicht nach uns selbst. „Young spirits and old souls“ wie Environmentalist Nicki uns nannte. Auf dem Schiff werden wir für wenige wertvolle Wochen alle zu einer Einheit.

Das Leben an Bord
Das Leben an Bord hat seine Tücken, denen mit Antirutschmatten auf den Tischen und am Boden verschraubten Möbeln entsprochen wird.

Möbel sind am Boden fixiert, auf den Tischen liegen Antirutschmatten.

Das Essen ist sehr lecker und es gibt viele pflanzenbasierte Gerichte. Und die Desserts sind zum Träumen!

Tee, Kaffee, und Snacks sind jederzeit verfügbar.

Die „Peppermint nibs“ sind mein Snack-Favorit.
Das Essen ist sehr lecker, nur frisches Obst geht nach einigen Tagen auf See zur Neige und wird zunehmend vermisst. Das erste, was ich nach meiner Rückkehr in die Schweiz unternommen habe, war tatsächlich ein Besuch beim nächsten Supermarkt, um gut 2 kg frische Früchte zu kaufen. Mjam!
Eines späten Vormittages, wir ankern im „Erebus and Terror Gulf“, da tut sich etwas. Vor der Nautilus Lounge auf Deck 5 sammeln sich nervöse Menschen in Bademänteln. Das Expedition Team trägt dazu passend Pinguinkostüme und ist ausnehmend albern. Die philippinischen Seeleute grinsen von einem Ohr zum anderen. Was geschieht hier?

Der Polar Plunge! Die sprichwörtlich coolste Challenge der Welt findet traditionell in den eisigen Gewässern des Südpolarmeer statt. Die Wassertemperatur, so berichtet uns ein Crewmitglied freudestrahlend, beträgt -0.5° Celsius.
Wie ***** muss man sein, um so etwas zu machen? Die Antwort: Sehr ***** – aber wenn man sich schon auf ein Expeditionsschiff in die Antarktis begibt (eine Kreuzfahrt hätte es ja wohl auch getan), dann ist das ohnehin Voraussetzung.
Zunächst ist alles eine gut gelaunte Party. Wir reden uns gegenseitig gut zu, reden uns ein, dass wir jederzeit einen Rückzieher machen können. Klar, kein Problem.
Die Party verlagert sich langsam von Deck 5 auf Deck 4. Und von Deck 4 Richtung Gangway. Plötzlich nimmt mir Jemand den Bademantel ab. Jemand anders bindet mir ein Seil um den Bauch und ich werde langsam aber sicher immer weiter nach vorne geschoben. Von vorne höre ich Schreie und Jubelrufe.

Aus den Augenwinkeln sehe ich Schiffsärztin Dr. Rae, die an der Seite mit einem Defibrillator bereit steht. Und auf einmal stehe ich selbst am Ende der Gangway und schaue in das schwarze Wasser.
Jetzt mache ich doch keinen Rückzieher mehr. Ich erinnere mich an den Rat, nicht zu weit zu springen, schliesse mit meinem Leben ab und lasse mich unmittelbar vor der Treppe ins Wasser fallen.
Grenzenloses Erstaunen über die blaue Welt unter Wasser, viele Luftblasen, Desorientierung, ein Schwindelgefühl. Kalt wird mir erst als ich wieder auftauche. Während ich versuche, so schnell wie möglich aus dem eiskalten Wasser zu kommen, bin ich froh, den Rat beherzigt zu haben, nicht zu weit raus zu springen. Ich klettere zitternd die Gangway hinauf, lasse mich in meinen Bademantel einwickeln und nehme dankbar den mir gereichten Wodka entgegen. Das Adrenalin kämpft mit den Endorphinen um die Vorherrschaft in meinem Nervensystem und verliert – ein breites Grinsen zeigt sich auf meinem Gesicht.


Dekontamination
So lebensfeindlich die Antarktis ist, so sensibel ist diese Region auch. Das Einbringen nicht-einheimischer Arten hätte direkte als auch indirekte Auswirkungen auf das empfindliche Ökosystem, was in einigen Regionen der Antarktis bedauerlicherweise bereits dokumentiert wurde.
Aus diesem Grund sind besondere Biosicherheitsmassnahmen notwendig. Bereits vor unserer Abreise sind wir angehalten, alle unsere Sachen zu waschen und gründlich zu reinigen. An Bord nehmen wir uns mehrere Stunden Zeit, um nach dem 4-Augen-Prinzip unsere Ausrüstung zu kontrollieren: Klettverschlüsse, Taschen, Laschen, Bündchen, Kamertaschen, Stative, Rucksäcke – unsere gesamte Outdoor- und Forschungsausrüstung wird kontrolliert auf Fremdkörper. Alle Arten von sichtbaren Pflanzenteilen – Samen, Blüten, Wurzeln, Blätter werden entfernt. Insekten, Federn, Haare, Schlamm, Erde, und Steinchen werden abgesammelt. Kleidung, die fusselt oder Fasern verliert, ist bei Landgängen überhaupt nicht erlaubt.

Bei jedem Landgang werden wir ermahnt, uns nicht hinzuhocken oder hinzusetzen, nichts anzufassen, und keine Gegenstände abzulegen. Es ist besondere Aufmerksamkeit geboten: Auch das Einbringen von Fremdkörpern wie Kunstfasern, Papiertaschentüchern, verlorenen Ausrüstungsgegenständen, etc. wäre sehr problematisch.
Mikroorganismen wird mit einer Desinfektionslösung zu Leibe gerückt. Vor und nach jedem Landgang werden die schweren Stiefel gereinigt und desinfiziert. Das Desinfektionsmittel muss an der Luft trocknen, um seine volle Wirkung zu entfalten.
Monochrom
„Unterhalb des 40. Breitengrades gibt es kein Gesetz; unterhalb des 50. Breitengrades keinen Gott“, so lautet eine alte Seemannsweisheit zum Südpolarmeer.
„Man liebt es oder man hasst es“ sagt Captain Jacques. Er liebt es, seine Crew liebt es, und so steuern sie das Schiff sicher durch die gefährlichen Gewässer jenseits des 60. Breitengrades.

Die Antarktis erleben wir zunächst als weitestgehend monochrom: schwarz, weiss, und Graustufen. Man verliert schnell die Orientierung, denn es gibt kaum Landmarken. Grössenverhältnisse abzuschätzen, ist fast unmöglich.


Einen Farbakzent setzt bisweilen das wunderschöne Blaueis. Es entsteht durch die Abwesenheit von Luftblasen: Schnee und Eis erscheinen normalerweise weiss, weil sich darin Luftblasen befinden, die das Licht streuen – dadurch entsteht der weisse Farbeindruck. Der hohe Druck tief im Gletscher jedoch führt dazu, dass die Luftblasen aus dem Eis herausgedrückt werden. Das Eis wird kompakter, dichter. Und in diesem kompakten, dichten Eis kann das Licht eine längere Strecke zurücklegen. Warme Farben werden dabei absorbiert, nur das energiereiche blaue Licht wird reflektiert und lässt das Eis leuchten. Je dicker das Eis, umso intensiver wird dieser Farbeindruck. Sieht man also Blaueis, weiss man, dass es tief aus einem Gletscher kommt.




Eisberge
Noch während der Querung der Konvergenzzone wetten wir an Bord, wann wir den ersten Eisberg sehen werden. Am Vormittag des dritten Tages auf See ertönt dann die Durchsage von der Brücke, „Tabular iceberg, port side ahead“. Melanie aus Portland gewinnt eine Flasche Wein.

Es wird ehrfürchtig still an Board, als der Tafeleisberg an uns vorbeizieht. Er hat bereits die Grösse einer kleineren Parkanlage. Weitere Eisberge, die wir in der Folge sehen werden, haben die Ausmasse einer Kleinstadt. Unser argentinischer Glaziologie Santiago gibt uns einen – nicht wörtlich zu nehmenden – Crashkurs:
Eisberge entstehen dadurch, dass grosse Stücke eines Gletschers oder des Schelfeises abbrechen („kalben“) und sich selbständig machen. Schelfeis, das sind die grossen, auf dem Meer schwimmenden Eisplatten, die von Gletschern, Eisströmen oder Eiskappen gespeist werden und noch mit diesen verbunden sind. Das antarktische Schelfeis kann zwischen 200 und 1000 Metern dick werden.

Eisberge, die aus Schelfeis entstehen, sind relativ eben und heissen deshalb Tafeleisberge. Sie bilden die grössten Eisberge und sind typisch für die Antarktis. Die maximal gemessene Länge beträgt 300 km. Das Verhältnis zwischen Höhe und Tiefgang ist 1:7. Damit liegt der grösste Teil des Eisberges unter Wasser und ist somit für Schiffsführer unsichtbar – sichtbar ist nur die sprichwörtliche „Spitze des Eisbergs“. Das Schiffsradar und die enge Kommunikation mit anderen Schiffen bewahren uns vor Unfällen.

Eisberge sind unberechenbar, weil sie sich jederzeit drehen können. Wir haben das mehrfach erlebt, das geschieht in der Tat sehr plötzlich und bewegt erhebliche Mengen Wasser. Aus diesem Grund sind von der sichtbaren Höhe des Eisbergs abgeleitete Sicherheitsabstände vorgeschrieben, die man sich maximal einem Eisberg annähern darf. Der entstehende Wellengang kann dennoch unerfreulich werden. Gelangt bei so einer Aktion dann z.B. auch einmal Wasser in die Hydraulikflüssigkeit und der Motor des Zodiaks steigt in Folge aus, evakuiert man auf dem Wasser. Das ist uns auch ein Mal passiert.


In Folge der Klimakrise brechen Eisberge in grösseren Mengen als früher von den Gletschern der Antarktis ab, wodurch der Meeresspiegel global ansteigt.
Packeis
Eis, das aus Meerwasser gefriert, bildet Packeis. Dabei entstehen zuerst einzelne Eisschollen, die dann zu einer zusammenhängenden Eisdecke zusammengeschoben werden.
Um diese Jahreszeit ist Packeis im Weddellmeer selten, aber andere Schiffe haben uns einen Tipp gegeben. Wir treffen eine bis zum Horizont reichende Packeisdecke an, ein erstaunlicher Anblick. Alle stehen am Bug und schauen auf die strahlendweisse Weite. Die Ocean Endeavour hält ca. 40 Meter vor der Eisgrenze Position, denn das kleine Schiff ist kein Eisbrecher.

Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Die Motoren fahren wieder hoch und langsam nähert sich die Ocean Endeavour dem Eis, setzt noch einmal zurück, um dann – noch langsamer – auf die Eisdecke aufzufahren…ein lautes Krachen…bis das Schiff ein Drittel der Länge im Packeis steckt. Wir schauen gebannt vom Bug und von der Brücke aus zu. Während Captain Jacques und sein Navigator die Aktion mit einer „Weil wir’s können“-Attitüde koordinieren, gehen an den Terminals einige Warnlampen an, was den Maschinenraum zu einer kurzen Nachfrage veranlasst. Die Crew im Maschinenraum wird beruhigt.

Das Schiff kommt zur Ruhe und wir stecken im Packeis.
Und damit nicht genug. Unser Ice Safety Expert prüft die Umgebung und befindet, ja, wir können raus und uns das angucken. Und alle gehen wir raus, um diesen einmaligen Anblick zu geniessen – wir gehen raus, das Expedition Team geht raus, die Crew geht raus, Captain Jacques geht raus – und auch Captain Jacques‘ Mutter geht raus, um diese ungewöhnliche Szene mit eigenen Augen zu sehen.

Nachdem wir alle auf dem Packeis und um das Schiff gelaufen sind, bricht Captain Jacques uns wieder frei. Die Motoren fahren wieder hoch, ein kurzes Ruckeln, und wir setzen zurück. Die Ocean Endeavour hat tatsächlich nur ein paar Kratzer.
Pinguinzählung
Wie zufällig in die Landschaft gestreut, sitzen, liegen, und schlitteln Pinguine auf Eis und Schnee herum. Da ausgewachsene Tiere an Land keine Raubtiere zu befürchten haben (die Gefahr lauert im Wasser), agieren die flugunfähigen Vögel Menschen gegenüber milde desinteressiert bis unverschämt neugierig. Aufgrund der Vogelgrippe ergibt sich das Problem, dass ein Sicherheitsabstand von mehreren Metern eingehalten werden sollte.
Wir wissen das, die Pinguine jedoch haben das Memo von der IAATO nicht erhalten. Dies führt immer wieder zu amüsanten Szenen, wenn Menschen vor aufdringlichen Pinguinen zurückweichen müssen und sich mitunter eingekesselt sehen.
Eine der wichtigsten Aufgaben der Expedition war die Pinguinzählung. Aber wie zählt man eigentlich Pinguine? Antwort: Indem man sie nicht zählt. Denn die Tiere bleiben nicht an Ort und Stelle, sondern sie wandern herum, fangen Streit mit ihren Nachbarn an, und suchen schöne Kieselsteine. Schöne Kieselsteine sind hier eine wichtige Handelsware.
Nein, man zählt die Nester – Die geben nämlich Aufschluss über die Anzahl der Brutpaare und das ist der eigentlich wichtige Parameter. Kleine Kolonien zählt man klassisch mit einem mechanischen Handzähler durch, bei grossen Kolonien (und wenig Wind) kommen Drohnen und Bilderkennung durch AI zum Einsatz.


Der Klimawandel wirkt sich bereits deutlich auf die Anzahl der Brutpaare in der Region aus.
Pinguinarten
Die kleinen Pinguinarten, die wir angetroffen haben, unterscheiden sich im Sozialverhalten, den Nistvorlieben, und den Nahrungspräferenzen. Nach einiger Zeit gelingt es uns, anhand der Farbe und des Geruchs des Guanos schon von Weitem die Art zuverlässig zu bestimmen, noch bevor wir einen einzelnen Vogel zu Gesicht bekommen. Bemerkenswert ist, dass die verschiedenen Pinguinarten durchaus gemischte Kolonien bilden können.

Pinguine fallen an Land übrigens ständig hin. Alle paar Meter legt es irgendwo einen Pinguin lang. Aber das macht nichts: Die Tiere sind gut gepolstert und bleiben entweder einfach liegen, um auf dem Bauch liegend weiter zu schlitteln – wobei sie ihre Flossen und Füsse verwenden, um sich fortzubewegen – oder sie rappeln sich stoisch wieder auf, um 2 Meter weiter erneut hinzufallen und sich dann erneut aufzurappeln. Früher oder später kommen sie dort an, wo sie hinmöchten.
Ich meine, daraus können wir etwas lernen.


Adeliepinguine
„Niemand legt sich mit Adelies an“, sagt Ornithologe Jeff. Und damit hat er Recht. Die nicht einmal kniehohen, auf uns Menschen aufgrund der weissen Augenringe besonders hübsch wirkenden kleinen Pinguine haben’s in sich. Ihr ungewöhnliches Sexualleben schockierte Captain Scott’s Expeditionsteam vor mehr als 100 Jahren so sehr, dass diese Beobachtungen viele Jahre zurückgehalten wurden. Mutig sind sie auch, wie dieses Video zeigt:
Die Adelies hatten bereits Küken, als wir sie besucht haben:

Eselspinguine
Kennen Sie noch „Die Flodders“? Die älteren Generationen erinnern sich sicherlich an die niederländischen Spielfilme und die entsprechende Fernsehserie aus den 80er Jahren. Es geht um eine sozial eher schwache und in allerlei kleinkriminelle Handlungen verstrickte Großfamilie.


Eselspinguine sind die Flodders der Pinguinwelt. Geht man zu nah an einem Nest vorbei, besteht Gefahr, dass man eine Ladung Guano abbekommt. Eselspinguine hängen einfach ihren Hintern aus dem Nest, um sich zu entleeren und können ihr Guano bis zu einem Meter weit schiessen. Ja, selbstverständlich ist mir das auch passiert. Ja, selbstverständlich treffen die sich auch gegenseitig, weshalb eine Eselpinguinkolonie aussieht als hätte Jemand einen halb geschmolzenen Schoko-Vanille Ice Cream Sundae mit 3 verschiedenen Saucen und Streusseln auf den Felsen gestrichen. Eselspinguine sind auch sehr laut, ihren deutschen Namen haben sie nicht ohne Grund.


Zügelpinguine
Zügelpinguine, auf Englisch „Chinstrap Penguins“ sehen aus ob sie einen kleinen Helm tragen. Bei ihnen geht es ordentlicher zu als bei den Eselspinguinen.

Zügelpinguine bevorzugen steilere Küstenabschnitte und…sie klettern! Man mag es kaum glauben. Natürlich fallen auch sie ständig hin, nur eben am Hang, wo sie sich mit ihren starken Krallen und einer saugnapfartigen Struktur in ihren Füssen am Eis festhalten. Wir haben einen Zügelpinguin gesehen, der mit einer erbitterten Entschlossenheit eine fast senkrechte Wand hochwatschelte. Bemerkenswert!

Gefahren für Eier und Küken
Erwachsene Pinguine haben an Land keine Raubtiere zu fürchten, die Eier und Küken jedoch sind bei fliegenden Räubern sehr beliebt. Aber auch Sturmvögel und Raubmöwen müssen fressen und haben Junge zu versorgen.


In der Antarktis ist „Food waste“ kein Thema.
Robben
Robben sind ein Problem, meint Guide Justin. Vor 2 Wochen waren sie noch kein Problem, denn da war alles voll von Robben. Aber jetzt scheinen sie alle weg zu sein…oder zumindest nicht dort, wo wir gerade sind und so spielen wir das beliebte Spiel „Robbe oder Stein?“

Weddellrobben haben die Tarnung als Stein an Land perfektioniert. Mehrere Male fahren wir aufgeregt eine Robbe an, die sich dann als Stein zu erkennen gibt. Mehrere Male beginnen Steine sich zu regen und zu strecken, und beim Gähnen ein Maul voller beeindruckender Zähne zu zeigen – eine Robbe.

Weddellrobben fressen Fisch, haben ein katzenartiges Gesicht und wirken daher auf uns Menschen recht niedlich. Seeelefanten fressen auch Fisch, sind aber nicht niedlich, dafür imposant und wo sie sich tummeln, bleibt kein Stein auf dem anderen – vor allem nicht zur Paarungszeit.
Krabbenfresser fressen keine Krabben – der Name ist ein Irrtum – sondern sie filtern ähnlich wie die Bartenwale Krill aus dem Wasser. Dazu haben sie ungewöhnlich geformte Zähne, die wie Siebe wirken.

Pinguine an Land haben keine Angst vor Robben, oft sieht man sie sogar entspannt nebeneinander schlafen. Im Wasser jedoch müssen sich Pinguine vor Seeleoparden in Acht nehmen. Seeleoparden stehen an der Spitze der Nahrungskette und fressen gerne Pinguine und kleinere Robben. Gegenüber Menschen sind Seeleoparden freundlich und interessiert. Der bekannte Fotograf Paul Nicklen z.B. hatte eine denkwürdige Begegnung mit einem ausgewachsenen Weibchen, wie er in diesem Video erzählt:
Ein junges Seeleopardenmännchen hat in einer vorherigen Saison dem Zodiakmanager der Ocean Endeavour Kopfschmerzen bereitet, weil es insgesamt 5 Zodiaks angebissen hat. Nicht böswillig – das Tier wollte nur wissen, ob man die grossen schwarzen Fische essen kann. Das Gebiss eines Seeleoparden ist stark genug, um Löcher in ein Zodiak zu machen.
Die schwerfällige Art der Fortbewegung einer Robbe an Land nennt man übrigens „galumphing“. Ich finde, Sie sollten das wissen.
Wale
So wenig Robben es gerade gibt, so viele Wale gibt es momentan dafür. „Whale soup“, wie es einer der Guides formuliert. Vor allem Buckelwale begleiten unser Schiff und ich habe den Moment meines Lebens, als ich am 3. Tag auf See sehr früh wach werde und beschliesse, an Deck spazieren zu gehen.
Als ich zum Achterdeck schlendere, höre ich plötzlich einen Wal rufen und renne zur Reling. Und tatsächlich, direkt vor meinen Augen bläst ein Buckelwal, taucht, und zeigt mir seine Schwanzflosse. Vier Mal hintereinander. Wie ich später erfahre, war das Tier am frühstücken (Krill fangen).
Mein Frühstückswal.

Der frühstückende Buckelwal am frühen Morgen war ein Bartenwal, also ein Filtrierer. Dann gibt es noch die Zahnwale, die, wie der Name sagt, keine Barten haben, sondern Zähne. Einmal beobachten wir eine Gruppe von 13 Orcas, wie sie Jagd auf Pinguine machen. Pinguine haben es wahrlich nicht leicht, denn aus der Sicht vieler Räuber haben sie die „perfect snack size“. Ein Orca frisst pro Tag 20 bis 30 Pinguine.

Walfriedhöfe
Die Walfriedhöfe – eigentlich nichts anderes als Müllhalden, auf die man die Knochen der getöteten Tiere achtlos entsorgte und die wir heute als „Friedhöfe“ verklären – haben nichts friedliches an sich. Sie zeugen von der ungeheuren Gier und Brutalität, mit der der Mensch sich die Erde Untertan zu machen gedachte. Vom späten 19. bis in das 20. Jahrhundert hinein wurden mehr als zwei Millionen Meeressäuger getötet. Das muss man sich einmal vorstellen.


Besonders Buckelwale halten sich gerne in der Nähe des Ufers auf und waren daher damals in der Antarktis ein leichtes Ziel. Sie waren so einfach zu erlegen, dass von einem Walfänger die Aussage „…like shooting puppies…“ überliefert ist.
Buckelwale werden als menschenfreundlich beschrieben. Wir sehen sehr viele von ihnen. Und während diese beeindrucken Tiere neugierig unser Schiff umkreisen, kommen wir nicht umhin uns zu fragen…ob sie uns wohl verziehen haben?

Frauenpower
Die Leiterin der Expedition ist Ida aus Schweden. Mehr als 20 Mal war sie bereits in der Antarktis unterwegs und sie hat nach wie vor eine grosse Freude daran. Sie ist seit langer Zeit mit Captain Jacques eng befreundet. Der grösste Teil des Expedition Teams ist weiblich.

Und das merken wir: Wir besuchen Orte und unternehmen Aktivitäten, die üblicherweise nicht besucht und nicht unternommen werden. Am ersten Tag in Antarktischen Gewässern steuert das Schiff in einen aktiven Vulkan. Natürlich nicht ohne Vorbereitung und Koordination mit den Forschungsstationen in der Nähe, die die seismische Aktivität aufzeichnen. Dennoch bleibt gerade dieser Ausflug nach Deception Island im Gedächtnis, da aus dem Boden, auf dem wir gehen, Dampfschwaden aufsteigen, die die Gegend vollends unwirklich erscheinen lassen. Unser Geologe ermutigt uns, die Handschuhe auszuziehen und die Finger wenige Zentimeter tief in den schwarzen, vulkanischen Sand zu stecken. Es ist warm, so warm wie eine Tasse Kaffee, an der man sich an einem kalten Wintertag die Hände wärmen würde.

Lange Zeit aber war der Zugang zur Antarktis den Frauen verwehrt. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Antarktis ausschliesslich Männern vorbehalten. Dies lag an gesellschaftlichen Normen der Zeit, Sicherheitsbedenken, und der einfachen Annahme, dass Frauen den extremen Bedingungen nicht gewachsen wären. In den 1930er Jahren gab es erste Versuche von Frauen, an antarktischen Expeditionen teilzunehmen, doch sie wurden immer wieder zurückgewiesen.
Doch dann kam Caroline Mikkelsen, die als erste Frau 1935 antarktischen Boden betrat. Einfach so. Sie begleitete ihren Ehemann, einen norwegischen Kapitän, auf einer Expedition. Damit war der Grundstein gelegt für die ersten Wissenschaftlerinnen, die in den 1950er und 1960er Jahren in der Antarktis zu arbeiten begannen. 1969 war die Amerikanerin Lois Jones eine der ersten Frauen, die mit einem rein weiblichen Team in der Antarktis forschen durfte.

Heute arbeiten Frauen aus der ganzen Welt auf den antarktischen Stationen, oft als Teil von internationalen Forschungsteams. Organisationen wie Women in Polar Science fördern die Vernetzung und Unterstützung von Frauen, die in den Polarregionen arbeiten.

Organisationen
Lange war die Antarktis vor den Kolonialisierungsbemühungen umtriebiger Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts geschützt. Jeder, der Territorialansprüche geltend machen wollte, musste sich eingestehen, dass die tatsächliche Durchsetzung derartiger Ansprüche in dieser lebensfeindlichen Umgebung einfach unrealistisch ist.
Dennoch wird die Antarktis in grossem Stil (aus-)genutzt, früher hauptsächlich durch den Walfang, später durch den Fischfang, und heute sehen wir mit eigenen Augen die zerstörerischen Auswirkungen des Krillfangs. Obwohl dieser angeblich in den empfindlichen Gebieten weitgehend eingestellt wurde und die Krillindustrie sich selbst verpflichtet hat (…kein weiterer Kommentar an dieser Stelle), die Pufferzonen einzuhalten, sehen wir an 2 verschiedenen Tagen Krillfänger unterwegs – und beide Male in den Pufferzonen. Ein entsprechender Tipp an eine entsprechende Organisation ging daher umgehend raus.
Der Krillfang ist eine Katastrophe, denn die kleinen, auf Deutsch „Leuchtgarnelen“ genannten Krebstiere stehen im Zentrum des Antarktischen Nahrungsnetzes. Sie sind die Hauptnahrungsquelle für sehr kleine bis sehr grosse Meerestiere – unter anderem für Pinguine, verschiedene Robbenarten, und Bartenwale wie den Buckelwal.

Der antarktische Krill hat ausserdem noch eine andere Eigenschaft: Während die grossen Krillschwärme in der Nacht an der Meeresoberfläche weilen, halten sie sich tagsüber in der Tiefe auf. Diese vertikale Dynamik durch die verschiedenen Wasserschichten bis an die Oberfläche wirkt wie eine Umwälzpumpe, die es wiederum dem Plankton ermöglicht, jährlich über 20 Millionen Tonnen Kohlenstoff aus der Luft zu binden. Damit ist klar, dass der Erhalt der Antarktis für die Bewältigung der Klimakrise essentiell ist – und da haben wir noch nicht einmal über die schmelzenden Gletscher und den Anstieg des Meeresspiegels gesprochen.
Warum also wird der Krill in der Antarktis in so grossem Stil abgefischt?
Die Antwort: Tierfutter und Nahrungsergänzungsmittel – beides ein Millionengeschäft.

Der Zuchtlachs, der in unseren Supermärkten ausliegt, erhält dieses schöne rosa Fleisch durch die Fütterung mit Krill. Auch karnivore Fische in Aquakultur werden mit Krill zugefüttert.

Krillöl als preiswertes, „reines Naturprodukt“ ist ausserdem ein beliebtes Nahrungsergänzungsmittel wegen seines hohen Gehalts an Omega-3 Fettsäuren, Vitaminen, und hochkonzentriertem Selen.
Das Chitin aus dem Panzer des Krill ist Bestandteil kosmetischer Salben, usw…
Nicht, dass es keine Alternativen gäbe, aber Krill ist billig und in grossem Masse einfach zu fangen. Die Umsätze, die weltweit mit Krill und Krillprodukten gemacht werden, sind astronomisch.
Falls Sie jetzt wütend geworden sind, seien Sie gewiss: Uns erging es nicht anders. Auf der Grundlage des Antarktisvertrags von 1959 hat sich das Antarktische Vertragssystem entwickelt, das die Antarktis von wirtschaftlicher Ausbeutung und militärischer Nutzung freistellt. Wir sehen, das funktioniert in der Praxis – vielleicht wenig überraschend – nicht im Ansatz.
Daher haben sich verschiedene unabhängige Organisationen gebildet, dich sich heute für den Erhalt dieser Region einsetzen.
Dazu gehört zum einen die IAATO, die „International Association of Antarctica Tour Operators“, ein internationaler Verband der Reiseveranstalter mit Zielgebiet Antarktis, die vor Ort einen sicheren, verantwortungsbewussten und umweltverträglichen Tourismus sicherstellen. Der Tourismus beschränkt sich im Wesentlichen auf die Monate November bis Februar und unterliegt strengen Regeln – ein paar Einblicke habe ich Euch in früheren Posts gegeben.
Eine andere Organisationen ist z.B. Oceanites, von denen wir 2 Vertreter an Board hatten, erheben seit mehr als 30 Jahren die Populationszahlen der dortigen Pinguinkolonien. Das bis dato gesammelte Zahlenmaterial spricht leider eine eindeutige Sprache, was die Auswirkungen der Klimakrise auf die Region angeht.
Auf dem Rückweg durch die Drake Passage findet an Bord eine Auktion zugunsten der Polar Citizen Science Collective statt – einer Organisation, die die aktuelle Forschung, Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit für die Notwendigkeit des Schutzes der Polarregionen durch Citizen-Science-Projekte fördert.

Ein begehrtes Auction Item war die Flagge der Ocean Endeavour.
Da – man muss es einfach sagen – sich auch einige sehr reiche Personen an Bord befinden, überlasse ich es diesen, auf begehrte, hochpreisige Objekte wie die Flagge des Schiffes zu bieten und widme mich zufrieden meinem Tee.
Hier endet die Geschichte meiner Antarktisreise. Ich habe über Vieles geschrieben, was mir wichtig war und von dem ich hoffe, dass es bei der/dem einen oder anderen etwas bewegt.
Vielleicht ziehen Sie Erwägung, eine der genannten Organisationen zu unterstützen, das würde mich freuen. Doch auch als Konsumenten haben wir Möglichkeiten, nachhaltige Industrien zu unterstützen, bzw. ausbeuterischen Industrien nicht auch noch unser Geld in den Rachen zu werfen.

